Sexten zwischen Krieg und Tourismus Sexten zwischen Krieg und Tourismus

Mit der Erschließung der Sextner Dolomiten für Alpinisten setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Sexten die Entwicklung hin zu einer vielbesuchten Touristendestination ein, welche zahlreiche Bergbegeisterte aus Nah und Fern anlockte. Im Jahr 1904 brachte der Verschönerungsverein von Sexten ein kleines Reisebüchlein heraus, das den Sextner Touristen als Ratgeber dienen sollte. Der Einleitung ist zu entnehmen: „Immer weiter wird der Kreis Jener, welche die eigenartigen und so leicht zugänglichen Schönheiten der Sextener Berge kennen und lieben lernen, immer größer wird die Zahl von Naturfreunden, welche dem prächtigen Sextentale und seiner Berge ihre Schritte zuwendet – sei es um in frohem Wanderzuge durch sie hindurch zu ziehen, sei es um zu längerer sommerlicher Rast zu verweilen in ihrem Bannkreise.“1Biendl, Hans, Das Sextental und seine Berge, S. 5.
Zur Besteigung der schönsten und höchsten Gipfel engagierten die Feriengäste meist Einheimische als Bergführer. Diese erkannten schon bald das Potential der neuen Kundschaft, betätigten sich vielfach auch als Gastwirte, so zum Beispiel Sepp Innerkofler, und trugen maßgeblich zur Entwicklung des Tourismus bei. Besonders wohlhabende Wiener schätzten Sexten als Aufenthaltsort für die Sommermonate. So mag es nicht verwundern, dass die Zerstörung des Dorfes im Zuge des Ersten Weltkrieges auch Eingang in die Wiener Tagespresse fand, meist gespickt mit persönlichen Erinnerungen. Emanuel von Singer schrieb etwa im „Neuen Wiener Tagblatt“: „Sexten zusammengeschossen! Die traurige Nachricht ist schon ein paar Monate alt, aber sie weckt in den Herzen aller Freunde der Dolomiten immer frisch schmerzliches Bedauern und aufrichtige Betrübnis bei der Erinnerung an die genußreichen Stunden, die man in diesem unvergeßlich schönen Erdenwinkel verbracht hat. Mir als altem Stammgast des ‚Poschthotels‘ in Sexten hatte die Kunde von der Bombardierung des idyllischen Bergdorfes für einige Tage die gute Laune gründlich verlegt, und ein Brief, den dieser Tage mein alter Freund, der Postmeister und Hotelier von Sexten, Herr Stemberger, an mich richtete, hat mir Tränen in die Augen getrieben.“2Singer, Emanuel von, Das Posthotel in Sexten, Neues Wiener Tagblatt, 4. März 1916.
Diese emotionale Bindung an den Urlaubsort und die vielen persönlichen Bekannt- und Freundschaften führte nicht zuletzt auch zu mehreren Spenden- und Wohltätigkeitsaktionen für die Sextner Flüchtlinge und den Wiederaufbau des Dorfes. In den „Touristischen Mitteilungen“ der Wiener Tageszeitungen wurden die Wiener schließlich regelmäßig über die Fortschritte beim Wiederaufbau des Dorfes und der Berghütten unterrichtet.
Die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur Sommerfrische in die Sextner Dolomiten wurde allerdings trotz Abzug der italienischen Truppen jäh zerstört: Tirol wurde aufgrund der Lebensmittelknappheit für den Fremdenverkehr aus Wien gesperrt. Eine Entscheidung, über die sich gar manche echauffierten – offensichtlich hatte man sich für die großzügige Wohltätigkeit eine andere Reaktion erhofft: „Warum darf der Linzer oder Innsbrucker unbehindert in die Sommerfrische gehen, aber nicht der Wiener? […] Das goldene Wiener Herz sollte auch einmal an die Vernunft der anderen appellieren! Oder ist es schön, wenn in Wien für Sexten gespendet und gesammelt wird, die Tiroler aber zur selben Zeit den Wienern die Tür vor der Nase zuschlagen! Die stets offene Hand der Wienerstadt könnte sich auch einmal schließen.“3J.W., Sommerfrischler in Not!, Neues Wiener Tagblatt, 6. Mai 1918.
Sobald sich allerdings das Militär aus dem Gebiet zurückgezogen hatte, lockte die herrliche Bergkulisse wieder reisefreudige und abenteuerlustige Touristen an. 1919 unternahmen zwei junge Frauen aus Salzburg eine Tour auf das Zinnenplateau und gingen die ehemalige Front ab. Eine der jungen Frauen berichtete über diese Wanderung: „Überall lagen Blindgänger von Granaten und Stinkbomben auf dem Wege, und der Stahl glitzerte. Es hieß jetzt achtsam sein und vom Wege nicht abweichen, da die Minengefahr groß war.“4Singer, Emanuel, Feuilleton. Friede in den Bergen, Neues Wiener Tagblatt, 13. Oktober 1919.
Die großen Besucherströme der Vorkriegszeit sollten aber noch längere Zeit ausbleiben. Die Zerstörung sowie die nunmehrige Zugehörigkeit von Sexten an Italien schreckte viele Bergbegeisterte ab. Erst ab 1925 sollte der Tourismus wieder allmählich an Bedeutung gewinnen.

(SK)

Holzer, Rudolf (2002). Sexten: Vom Bergbauerndorf Zur Tourismusgemeinde. Sesto-Sexten: Tappeiner Verlag.

Biendl, Hans (Hrsg.) (1904). Das Sextental und Seine Berge. Verschönerungsverein in Sexten. Wien: Verschönerungsverein in Sexten.

Singer, Emanuel von (1916). Das Posthotel in Sexten, Neues Wiener Tagblatt, 4. März.

J. W. (1918). Sommerfrischler in Not!, Neues Wiener Tagblatt, 6. Mai.

Singer, Emanuel von (1919). Feuilleton. Friede in den Bergen, Neues Wiener Tagblatt, 13. Oktober.